Anthropologie
Im Zusammenhang mit den wissenschaftlichen Forschungen zu St. Prokulus wurden die sterblichen Überreste von etwa 200 Individuen, die man über einen Zeitraum von mehr als 1000 Jahren um die Kirche bestattete, anthropologisch untersucht.
Dabei konnten interessante Erkenntnisse zur Zusammensetzung der einstigen Bevölkerung, zu Krankheitsbildern, zum Alter, zur Lebenserwartung und den Auswirkungen der Pest gewonnen werden.
Zur Altersbestimmung können sowohl Zähne herangezogen werden, aber auch der Verwachsungsgrad der Schädelnähte und die Knochenstruktur der Oberarme und Oberschenkel sind aussagekräftige Indikatoren. Demnach erreichten die im Frühmittelalter beerdigten Menschen ein Durchschnittsalter von nur 34 Jahren. Jeder vierte von ihnen litt zu Lebzeiten an einer Mangelerkrankung infolge einseitiger Ernährung. Außerdem plagten sich viele der Bestatteten mit Arthrose. Weitere 30% Prozent hatten mit Karies zu kämpfen. Heute leiden allerdings über 90% der Bevölkerung an der Zahnkrankheit.
Was das Sterbeverhältnis zwischen den Generationen anbelangt, hat die Altersbestimmung der Verstorbenen aus dem Pestfriedhof ergeben, dass es sich bei der Hälfte der 135 Seuchenopfer um Kinder und Jugendliche handelt. Diese Altersgruppen waren augenscheinlich anfälliger für epidemische Erkrankungen.
Neben diesen demographischen Erkenntnissen, lieferte die Anthropologie auch Hinweise auf sehr persönliche Schicksale. So zeigten einige Skelette Spuren von Verletzungen wie etwa Knochenbrüche. Während diese meist auf Unfälle zurückzuführen waren, starb der Mann aus Grab 26 hingegen eines gewaltsamen Todes. Ihm wurde der Schädel mit einem Schwerthieb gespalten. Demselben Individuum hatte man bereits früher das Schädeldach mit einem stumpfen Gegenstand zertrümmert. Die Verletzung heilte allerdings aus, bis es letztlich zum tödlichen Schwerthieb kam.


